Die Niete zwischen Hammer und Zirkel (Leseprobe)

Wutentbrannt stand ich vor der Glastür, die mir den Zutritt zum Speisesaal eines Feriendomizils des DDR-Gewerkschaftsbundes, dem FDGB, verwehrte. Meine Eltern hatten mich mit erzieherischen Absicht dort hingestellt. Wissend, dass ich noch zu klein war, um die Klinke zu ergreifen und die Tür zu öffnen, saßen sie drinnen an einem Tisch und genossen mit den Genossen meine Abwesenheit. Durch den Ausschluss von der gemeinsamen Mahlzeit sollte ich gefügig gemacht werden, nicht mit einem Messer, sondern mit einem Schieber zu essen. So hieß ein Besteckteil für Kinder, das als Vorstufe des Messers galt: Ein silbrig glänzender Stiel, an dessen Ende sich wie beim Bulldozer eine schneepflugartige, aber ungewölbte, rechteckige Platte befand, der Schieber. Damit hielten Produktion, Handel und Pädagogik die praktische Umsetzung des Reims für gelungen, der da lautete „Messer, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“.

Ich hasste den Schieber. Wussten meine Eltern nicht, dass Schieberbanden von der Volkspolizei verfolgt wurden? Niemand braucht Schieber. Selbst die sonst so gründlichen, also fundamental-orthodoxen Juden, denen aberdutzende Tätigkeiten während des Shabat untersagt sind, weil sie aus der Arbeit des Feuermachens abgeleitet werden, verzichten auf die Nennung des Reiben oder Aufeinanderschlagen von Schiebern. Oder etwas mit einem Schieber aus dem Bastelbogen ausschneiden? Das bleibe Einfalz-Pinseln vorbehalten. Ein Schieber ist völlig ungeeignet für jede Art des Schneidens. Für professionelle Messerwerfer hätte seine Verwendung das sofortige Karriere-Aus bedeutet.

Ich warf dennoch. Ich wollte ein Messer haben, um zu zeigen, dass ich groß genug war, ein kleines Gewerkschaftsschnitzel in mundgerechte Stücke zu zerlegen. Außerdem fand ich es demütigend, dass sich ein Elternteil gleich an meinem Teller zu schaffen machen würde, um mit einem Messer mein Schnitzel zu zerstückeln. Welch eine Ungerechtigkeit! Wenn arbeitslose Messerwerfer die Schnitzel schneidend von Tisch zu Tisch gegangen wären, weil alle im Raum nur Schieber besaßen, das hätte ich ertragen.

Messer her, Messer raus!“, schrie ich so laut ich konnte und warf mich wütend auf den Boden. Doch weder flogen Messer durch den Speisesaal, noch begannen die Urlauber aufeinander einzustechen. Mein Vater zog mich aus dem Saal. Mir sollte meine Bockigkeit vor der Tür vergehen.

Ich ballte die rechte Hand zur Faust, wie später noch oft, doch nicht zum Gruß, sondern zum gezielten Schlag. Da die disziplinierten FDGB-Urlauber wussten, dass man das Reden bei Tische untertänigst unterlässt, platzte in die nur im Flüsterton gesprochenen Dialoge der laute Knall eines zerberstenden Glasscheibenkaros. Die Tür machte keine Anzeichen, den Verlust eines Achtels ihrer Verglasung zu bedauern. In den Saal ragte zwar nur in der Größe einer Billardkugel meine blutende Kinderfaust, doch die Botschaft war unmissverständlich:

Ihr Genossen des Arbeiter- und Bauernparadieses, die ihr euch ausgerechnet auf Kosten der Gewerkschaft die Bäuche vollschlagend erdreistet, die Aussperrung als ein legitimes Mittel zu betrachten, habt ihr vergessen, dass auch Aussperrung Gewalt bedeutet? Wollt ihr mich etwa vertrösten mit eurem Gerede von der gewaltlosen Befreiung Indiens vom Joch der britischen Kolonialsklaverei, dem friedlichen Mahlen tibetischer Gebetsmühlen oder einer gewaltfreien Revolution, die solche wie ihr, wenn ihr überhaupt noch bis 1989 leben werdet, durch genau solches Verhalten zu verantworten habt? Wer Gewalt sät, wird auch Gewalt ernten, das wissen sogar die Genossenschaftsbauern! Ja, seht auf diese blutende Kinderfaust und versinkt vor Scham ob eurer Unzulänglichkeit!“

Das wäre ihnen durch die mit Scherben verzierte Öffnung entgegengeschleudert worden, wenn ich bereits über mehr Vokabular, Geschichtskenntnisse, ein gewisses Maß an Hellseherei und den richtigen Gebrauch des Konjunktivs verfügt hätte. So blieb mir nur, die Wirkung meines Faustschlages kurz zu bestaunen. Dann weinte ich so laut ich konnte. Würden meine Eltern die Nerven haben, einfach weiter zu essen, um sich nicht als pädagogische Versager zu entblößen? Nein, angesichts fließenden Kinderbluts zögerte meine Mutter, die zudem als Kindergärtnerin in einer Moabiter Kirchengemeinde arbeitete, nicht lange. Meine Hand wurde verarztet und ich durfte wieder an den Tisch.

Wenigstens ein Teilerfolg“, dachte ich und spießte das von meinem Vater geschnittene Fleischstück auf die Gabel. In Anbetracht der verletzten rechten Hand konnte mir niemand die Verwendung des Schiebers abverlangen. Allerdings wäre für die Zukunft zu überlegen, ob zur Durchsetzung eigener Forderungen andere Mittel als die der Selbstverstümmelung geeigneter sind. 

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Rolf Schümer

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