(Leseprobe)

Am 20. September 1954 war ich da. Lebendiger Beweis meines ersten Grenzgangs. Gezeugt im Westen, geboren im Osten.Und das ausgerechnet im krankenhaus der deutschen volkspolizei. Rolf Kuhl war da, gebürtiger Angehöriger der bewaffneten Organe der Deutschen Demokratischen Republik. Doch wenig später brachte mich meine Mutter wieder über die Grenze.
Denn mein vater war 3.sekretär der sed kreisleitung Tiergarten, also im Westsektor. das durften wir kinder nicht wissen, für uns arbeitete er für die Deutsche reichsbahn, ein volkseigener Betrieb der DDR, dem die Bahnanlagen auch in Westberlin gehörten. Das erschien meiner schwester und mir nur glaubwürdig, denn Vaters Arbeitsstelle lag auf dem gelände des güterbahnhofes Beusselstraße.
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Eigentlich hätte mein Vater Offizier der kasernierten Seepolizei der DDR werden sollen,
Er lehnte ab, weil er nie wieder eine Waffe anfassen wollte und mußte in den Sauren Apfel beißen : Umzug vom Prenzlauer Berg nach Tiergarten, sein Parteiauftrag hieß Propagandaarbeit für die Partei im Westen. Wie alle damit beauftragten SED-Funktionäre bekam er nur soviel Westgeld, um davon die Rechnungen wie Miete, Strom und Gas begleichen zu können,
So waren mir die DDR-Produkte gut vertraut, die er oder meine Mutter täglich über die noch offene Sektorengrenze schleppten. Meine Zahnpasta hieß Putzi und mein Lieblings teddy hörte nicht auf Pu, sondern auf Bummi.
Wir wohnten in der Ottostrasse 11 in Moabit. Ein dreistöckiges Haus aus der Gründer-
zeit. Parterre wohnte Herr Krüger, ein unheimlicher Geselle, den wir selten
zu Gesicht bekamen. In unserer Phantasie malten wir uns daher die schreck-
lichsten Dinge aus, die sich hinter seinen stets dunklen und schmutzigen
Fensterscheiben ereigneten. Wir verdächtigten ihn sogar, als allseits gefürchteter "Schwarzer Mann" sein Unwesen im Keller zu treiben. Dank unserer frühsozialistischen Erziehung war der "Schwarze Mann" für uns nie ein Neger.
Er hatte seinen Namen von den Kohlen, die wir deshalb nach oben schleppen
mußten, weil die Reichsbahndeputatbriketts, also die Ost-Kohlen nur in den Keller geschüttet wurden, den Nach-Oben-Tragen-Service bei einer Mark Preisaufschlag pro Stockwerk und Zentner gab es nur bei den West-Kohlen und deren Händlern.
Im ersten Stock logierte und arbeitete Dr.Kinner, der als Zahnarzt meine Karies erfolglos bekämpfte,
Im zweiten Stock wohnte ein evangelischer Pfarrer, der allerdings bald auszog,
nachdem er mit 60 Jahren zum ersten Mal Vater geworden war und im Haus
bunte karten mit der Aufschrift "Der Herr hat Großes an uns getan" ver-
teilte.
Im dritten Stock waren wir, die erste kommunistische Westberliner Wohngemeinschaft. Quasi die Kommune Null, um der späteren Kommune Eins von Rainer Langhans und Fritz Teufel in der Stephanstraße den Namen nicht streitig machen zu müssen.
Unsere Wohnung war so groß, daß wir ständig mit anderen Leuten zusammen-
lebten.
opa alfred und große oma (die eltern meiner mutter) ,(kleine Oma war die Mutter meines Vaters, die eben kleiner war als die Mutter seiner Frau ), also opa alfred und große oma wohnten nicht weit in der rostocker str.2 in einer stube-küche-wohnung mit dem klo eine halbe treppe tiefer, das man mit den nachbarn der wohnung gegenüber zu teilen hatte. Nie verstand ich, warum ausgerechnet nur Opa Alfred das Recht hatte, in den Ausguß der Küche zu pinkeln, damit er mit dem Nachbarn nicht ins Gehege käme.
Denn opa alfred war ein schrank von einem Mann, ein Riese für mich und auch noch
furchterregend wegen seines unberechenbaren jähzorns. Dennoch war ich oft bei ihm auf
Arbeit, in der pförtnerloge des güterbahnhofes Beusselstraße. Schon früh hat mich die Eisenbahn fasziniert. Natürlich wollte ich später unbedingt den Beruf meines Vaters ergreifen, den er gar nicht hatte und Lokomotivführer werden.
Inzwischen war ich in einem neuen Kindergarten.
Morgens ging es von Tiergarten nach Lichtenberg. Nie werde ich den Tag im
Jahr 196o vergessen, als auf denTod des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck
drei Tage Staatstrauer folgten. Was wußten wir von Wilhelm Pieck?
Wir kannten das Spiel, dessen einfache und einzige Regel lautete: Du sagst zu einem anderen Kind "Sag mal Wilhelm" Wenn es das gemacht hat, bohrst mit einem langgezogenen "Piieeck" auf den Lippen den rechten Zeigefinger in den Bauch deines Gegenübers. Sonst wußten wir von unseren Tanten nur, daß er der Freund aller Kinder war. So eine Art Flipper der DDR. Bis zu seinem Tod war er uns eigentlich egal oder
sogar eher sympathisch, weil man mit seinem Namen dieses lustige Spiel machen konnte.
Doch mit der Staatstrauer wurde das anders. Heute sind wir alle sehr,sehr traurig, sagte eine Tante. Wer kann mir sagen warum? Ich war überhaupt nicht traurig. Ich freute mich auf den Spielplatz, denn hier gab es im Gegensatz zum alten Kindergarten ein Karussell, auf dem ich ausprobieren wollte, nach wieviel Runden mir so schlecht wie Alfons Zitterbacke werden würde.
 Ich weiß nicht mehr, ob ein Kind die Antwort wußte oder ob die Tante es uns sagte.
Wilhelm Pieck war tot. Hätte es sich bei dem Verstorbenen um das Sandmännchen gehandelt, wären wir sicher traurig gewesen.
War die Art und Weise der verordneten Trauerzeremonie dem Pflichtbewußtsein unserer Tanten entsprungen oder gab es einen Parteibeschluß zur Staatstrauer in Kindergärten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls durften wir drei Tage lang weder aufs Karussell noch auf die Schaukeln, sondern mußten Trauerspaziergänge machen.
Überall auf den Straßen hingen Wilhelm Piecks Porträtfotos mit Trauerflor, damit wir auch nicht vergaßen, wem wir diese Strafe zu verdanken hatten.
Vielleicht hätten in meiner Kindergartenzeit noch mehr Mitglieder der Staats- und Parteiführung mit Staatstrauer beerdigt werden sollen. Es hätte mein späteres blindes Vertrauen in dieselben vielleicht in Frage gestellt.
Es näherte sich ein besonderer Tag in meinem Leben, die Aufnahme in die Pionier-organisation. Mit sechs Jahren konnte man auch in den Westsektoren Pionier werden. Meine künftige Pionierleiterin Ingrid lud mich zum Pioniernachmittag ein, damit ich die Gruppe kennenlernen konnte.
Es waren ein Dutzend Kinder zwischen 6 und 14 Jahren. Mir wurde erklärt, daß die Aufnahme ein feierlicher Akt sei. Dafür galt es ein Gelöbnis auswendig zu lernen, in dem der neue Pionier verspricht, nach den Gesetzen der Pionierorganisation zu leben und zu kämpfen. Was war ich bei der Sache! Schon lange wollte ich Freiheitskämpfer wie Neger Nobi sein. Es kam der entscheidende Tag. Es war feierlich wie zu Weihnachten. Der Raum war nur durch Kerzenlicht erhellt, alle Anwesenden trugen dunkle Hosen oder Röcke, weiße Hemden und das blaue Pionierhalstuch.
Nur ich hatte noch keins, erst mußte ich das auswendig gelernte Gelöbnis fehlerfrei aufsagen. Ich schaffte es anfangs ganz gut, bis das Wort "Pionierorganisation" kam.
"Pionierorgnatz..."ich stockte und versuchte es noch einmal "Pionierorgans..." Ingrid wollte mir helfen, sie sprach langsam vor, trotzdem verhedderte ich mich wieder. "Spionierorgastition" Pioniergornisation, Pionierorgas.., es gelang nicht, selbst bei der Aufforderung die Silben einzeln nachzusprechen, versagte ich. Ich war verzweifelt. Aus der Traum vom Freiheitskämpfer. Jetzt muß ein anderer Afrika befreien. Da beschloß die Gruppe, eine Ausnahme zu machen. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen, als mir die Gruppenratsvorsitzende das blaue Halstuch umband. Ich war jetzt Mitglied der Pioniergruppe "Raymonde Dien", benannt nach einer französischen Kommunistin, die sich auf die Schienen gelegt hatte, um einen Waffentransport für Indochina aufzuhalten. Das fand ich sehr mutig, doch ich glaubte nicht, daß ich das auch könnte, zumal ich als künftiger Lokomotivführer von Hindernissen auf den Gleisen nicht begeistert war.
Wir Westberliner Pioniere waren über das Voranschreiten des Sozialismus immer gut informiert. Wir sangen die selben Lieder und lasen "Frösi", "Die Trommel" "Atze" und "Mosaik", wie unsere Altersgenossen in der DDR. Das einzige, was mich manchmal erstaunte, war die große Anzahl dieser DDR-Kinderzeitschriften.
Stapelweise erhielten wir sie. Von jeder Ausgabe gab es mindestens zehn oder zwanzig für jeden von uns. Was sich die älteren von uns mit der beginnenden Phase kommunistischen Überflusses erklärten, hatte seinen wirklichen Grund darin, daß die SED-Bezirksleitung Berlin in den regelmäßigen Berichten ihrer Westarbeiter Erfolgsmeldungen erwartete, die sie auch pünktlich erhielt. Die Anzahl der uns zugestellten Zeitschriften ergab sich aus den gemeldeten wachsenden Mitgliederzahlen.
Es war ungefähr zu dieser Zeit, als ich lernen mußte, mit Zweifeln an der Über-
legenheit des Sozialismus umzugehen. Meine Mandeln waren entzündet und
sie sollten in der Ostberliner Charité entfernt werden, da mein Vater als "Reichsbahner" in der DDR versichert war. Von meinen Freunden wußte ich, daß es zwecks Kühlung nach der Operation haufenweise Eis zu essen gibt. Doch die bereits von ihren Mandeln befreiten, hatten ihr Wissen im Westen erworben. Statt Moskauer Eis, das ich von Tierparkbesuchen kannte und nun in rauhen Mengen erwartete, gab es in der Ostberliner Charité nur kalten Michreis mit Apfelmus. Wie sollte ich auf die Fragen, ob es mehr Eis als im Westen gegeben hätte, nun antworten?
Ein Pionier lügt schließlich nicht. In dieser Zwickmühle trat ich unbewußt in die Propagandafußstapfen meines Vaters : Ich behauptete, dass kalter Milchreis mit Apfelmus viel besser schmecke und nach einer Mandeloperation viel gesünder sei als jedes noch so schmackhafte Eis, besonders wenn es sich um Westeis handele. Schließlich kann man nie wissen, was die Amis da alles hineintun.
Meine Moabiter Schulkameraden starrten mich ungläubig an. Aber das war nicht so wichtig, ich hatte Schaden für das Ansehen des DDR-Gesundheitswesens vermieden. Zurück blieb ein klitzekleines schlechtes Gewissen, weshalb ich mich noch Jahre später vor der alten TU-Mensa abdrehte, als Spaßguerillas den Spruch "Mandel an die Uni" in "Salzmandeln an die Uni" umsprühten.

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